Die Lässlichkeit eines menschlichen Bedürfnis
„Die Zeit“ ist zwar eine so genannte Wochenzeitung, doch wer kommt schon dazu, sie zu lesen, wenn sie erscheint? Ein ganz normaler Donnerstag mit Tagesjob, Familie und Freunden, Haushalt oder anderen Pflichten ist denkbar ungeeignet, alle lesenswerten Rubriken eingehend zu studieren.
Also muss das Wochenende her, um die gehaltvollen Artikel und Interviews im vollen Umfang zu goutieren; so wird aus der Wochen- eine Sonntagszeitung. Als erstes ziehe ich nach dem späten Sonntagsfrühstück das Feuilleton der Ausgabe vom 6. November heraus, diesmal mit dabei: Vier Sonderseiten über die hauseigene Buchedition „Fantastische Geschichten für junge Leser“.
Insgesamt 15 Bücher werden erscheinen, von Autoren wie Rudyard Kipling und Otfried Preußler über James M. Barrie bis hin zu Terry Pratchett. Alle Buchdeckel der Neuausgaben wurden eigens von Sabine Wilharm gestaltet, sodass ich wahrscheinlich nicht der einzige bin, der sofort an Harry Potter denkt.
Nun ist es ja nichts neues, wenn sich Nachrichtenmagazine und Zeitungen an die Edition eigener Buchreihen wagen, die Süddeutsche hat es mehrfach vorgemacht und der Focus sogar mit DVDs diverser Filmklassiker nachgelegt. Um die Qualität der ausgewählten Werke zu unterstreichen, betont die „Zeit“-Redakteurin Susanne Gaschke: „Fast alle Autoren der ‚Fantastischen Geschichten‘ sind preisgekrönt, unter anderem mit der Carnegie Medal, der Newberry Medal, dem Hans-Christian-Andersen- und dem Deutschen Jugendliteraturpreis“.
Und die Argumente der Kritiker einer solchen Fantastik-Reihe - Kinder bräuchten bildungsnahe Sachbücher, realistische Aufklärung über die Zusammenhänge der Welt - zählt sie auch gleich auf. So, und nun kommt das, was den Artikel über diese Zeit-Edition interessant macht:
„Aber nicht nur der unvergleichliche Run auf Harry Potter hat gezeigt, dass Kinder, ach, dass wir alle offensichtlich Fiktionen, begrenzte Ausstiege aus der Realität brauchen, um sie Tag für Tag ertragen, aber auch um sie immer wieder neu anschauen zu können.“
Dieses Argument ist in zweierlei Hinsicht interessant: Erstens, weil hier wertfrei betont wird, dass Fantasie ein Ventil für Alltagsstress sein kann - an sich nichts neues -, zweitens, weil genau diese Fantasie dazu dient, die Realität aus der gedanklichen Distanz neu bewerten zu können. Als Fan fantastischer Literatur und Chefredakteur eines Onlinemagazins für ebensolche freut es mich natürlich sehr, solche Pro-Argumente in meiner liebsten Wochenzeitung zu lesen. Was Susanne Gaschke dabei jedoch nicht erwähnt, ist, dass „Magie im Alltag“ (der Titel ihres Artikels) für den kritischen Blick auf die Welt außerhalb der Buchdeckel einen Spiegel vorhält.
Nach Beispielen für fantastische Romane, die die Realität reflektieren, muss ich auch nicht lange suchen, in der aktuellen Ausgabe der Phantastik-Couch stellen wir etliche davon unseren Lesern vor. Da wäre als erstes Jeff Carlsons Near-Future-Thriller „Nano“, der mehr als unangenehmen weltweiten Folgen unkontrollierter Forschung thematisiert. Oder Thomas Plischkes „Die Zwerge von Amboss“, sozialkritische Fantasy mit scharfem Blick auf die Ausgrenzung von Randgruppen und entfesselten Kapitalismus. Nicht zu vergessen Neal Stephenson, der mit seiner jüngst abgeschlossenen Barock-Trilogie im Grunde auch eine Geschichte unseres Finanzsystems erzählt. Und was etliche der Altvorderen von Science Fiction, Fantasy oder Horror an gesellschaftlicher Mahnung und politischer Kritik in ihre Werke packten, ist bereits Legende und hat längst auch Einzug in das klassische Feuilleton gefunden.
Apropos Feuilleton: In derselben Ausgabe der „Zeit“, in der Susanne Gaschke die Notwendigkeit von dosierter Realitätsflucht erkennt, schreibt ihr Kollege Ulrich Greiner sezierend über den dritten Teil der Eragon-Trilogie. Von der der „Faszination des Nirgendwo“ spricht er, wobei er dem Buch offensichtlich wenig brauchbares abgewinnen kann. Zum Ende seines Artikels hin gibt er sich jedoch versöhnlich:
„Manchmal aber, wenn einem alles zuviel ist, nimmt man Bücher zur Hand, um sich den Kopf freizulesen und gewissermaßen verantwortungslos abzutauchen in ein Nirgendwo“.
Mit dem „man“ verallgemeinert, ja verwischt Greiner zwar, dass er sich diese eskapistische Lässlichkeit wohl auch selbst zuschreibt, und zudem ist „Eragon“ ja nicht nach jedermanns Geschmack. Doch die Bestätigung eines menschlichen Bedürfnis (Fantasie) und Anerkennung seines literarischen Niederschlags (Fantasy) durch einen Feuilletonisten der „Zeit“ ist in diesem Zusammenhang ja fast schon eine Auszeichnung für das Genre.
Tags: Barock-Trilogie, Die Zeit, Eragon, Fantasy, Sozialkritik
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