PATRICK ROTHFUSS: Über die Tücken des Übersetzens
Patrick Rothfuss, Autor von “Der Name des Windes“, berichtet in diesem Gastbeitrag von seinen Erfahrungen mit den Fallstricken von Literaturübersetzungen.
Mittlerweile sind die Rechte an „Der Name des Windes“ in mehr als 20 Länder verkauft, wenn ich richtig gezählt habe. Jedenfalls sind es so viele, dass ich die Namen auf der Liste, die ich letztens gemacht habe, gar nicht alle behalten kann.
Als wir die deutschen Rechte an Klett-Cotta verkauft haben, hatte ich den zugegebenermaßen albernen Gedanken, so gut Deutsch zu lernen, dass ich mein eigenes Buch lesen könnte. Als später dann mehr immer Lizenzen hinzukamen, musste ich einsehen, dass es wohl realistischer wäre, gerade soviel zu lernen, dass ich die erste Seite lesen kann. Oder die ersten paar Zeilen.
Jetzt, mit über 20 Ländern, denke ich, dass ich mit etwas Arbeit wohl in der Lage sein werde, den Titel meines Buches mit dem richtigen Akzent auszusprechen. Ich würde dann immer noch „The Name of the Wind“ sagen, aber es klänge Französisch oder Deutsch und nach dem, was auch immer man in Holland spricht… Hollandaise.
Aber nun zum Kern der Sache. Als wir die deutschen Rechte verkauften, war mein Hauptgedanke: Mann, eine Viertelmillion Wörter übersetzen, das arme Schwein.
Und das war‘s.
Nach ein paar Wochen hat mich dann der Übersetzer kontaktiert und angefangen, Fragen zum Buch zu stellen. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir langsam klar, wie kompliziert dieser Prozess ist. Und wie viel dabei schiefgehen kann…
Zum Beispiel: Wie soll man die ganzen Spitznamen der Universitätsgebäude übersetzen? Das ist Slang! „Artificery“ wird zu „Fishery“… Aber das kann man nicht einfach übersetzen, weil es eigentlich nichts mit Fischen zu tun hat.
Dann sind da die Knackpunkte des Plots. Im ersten Buch erwähne ich einige sehr subtile Dinge, die erst später wichtig werden. Wenn man die versehentlich auslässt oder ändert, wird die ganze Serie darunter leiden.
Also habe ich mich daran gemacht, ein umfangreiches FAQ für die Übersetzer anzufertigen. Darin werden viele potenziell nebulöse Dinge geklärt und es weist auf potenzielle Schwierigkeiten hin, die mir aufgefallen sind.
Jetzt höre ich schon die Fragen nach diesem FAQ, in denen ich gebeten werde, diese Übersetzer-Richtlinien doch bitte zu veröffentlichen. Das kann ich aber leider nicht. Nun, das stimmt nicht. Ich will es nicht, denn darin stecken zu viele Geheimnisse.
Und selbst wenn es keine Geheimnisse gäbe, würde ich doch zögern. Nicht, weil ich gemein wäre (obwohl ich es bin). Sondern weil viel von der Schönheit eines Buches aus den nicht offensichtlichen Dingen rührt. Wenn ich diese Dinge preisgäbe, würde es alles kaputt machen. Ungefähr so, als ob man einen Witz erklären muss, damit er verstanden wird. Und dann ist er nicht mehr komisch.
Aber da ich annehme, dass ihr trotzdem fragen werdet, gebe ich euch ein kleines Spoiler freies Beispiel von der Art, womit die Übersetzer auf mich zukommen und wie ich darauf antworte. Nur damit ihr es wisst…:
…
„Shamble-Men. Hast du dir diesen Ausdruck selbst ausgedacht? Ich bin noch nicht glücklich mit meiner Übersetzung. Es klingt nicht furchteinflößend in meiner Sprache.“
Die Shamble-Men sind komplett meine eigene Kreation. Der Ausdruck klingt auch im Englischen nicht besonders furchteinflößend. Aber in ihm schwingt entfernt etwas bedrohliches und gruseliges mit. Zum einen wegen der alten Verwendung des Wortes „shambles“, das auch den Platz bezeichnete, an dem man Tiere schlachtete.
(Daher auch der englische Ausdruck „This place is a shambles“. Heute bedeutet das unordentlich, früher, dass der Boden mit blutigen Gedärmen bedeckt ist.)
Stagger-Men wären einfach Betrunkene. Shuffle-Men wären alt und ein bisschen albern.
Unter Shamble-Men kann man sich obdachlose Menschen vorstellen, gegen die Kälte in Lumpen gehüllt, abgerissen und mit zottigen Haaren. Sie sind schmutzig, gehen sehr langsam, als ob sie krank, verletzt oder sehr müde wären. Ihr Gang ist etwas unsicher, sie ziehen die Füße nach. Das versuche ich mit „shamble“ einzufangen.
Aber der Name sollte einen entfernt bedrohlichen Unterton besitzen, wenn das machbar ist.
…
So, das war‘s. BITTE nehmt das nicht als Einladung, mich mit weiteren Fragen zum Buch zu löchern. Wenn das nämlich passiert, wird das einschneidende Folgen für meinen Schreibprozess haben und die Korrekturen am zweiten Band verlangsamen…
Pat
Hier gibt eine Leserunde zu “Der Name des Windes”.
Tags: Der Name des Windes, Fantasy, Literaturübersetzung, Patrick Rothfuss
Diese Seite bookmarken bei