Halloween und die Phantastik – mehr als buntes Treiben
von Dr. Frank Weinreich
Die oberste Pflicht von Literatur ist,
uns die Wahrheit über uns selbst zu sagen,
indem sie Lügen über Menschen
erzählt, die nie existiert haben.
(Stephen King: Danse Macabre)
Halloween und die Phantastik
Halloween und die Phantastik – ein schönes Paar! Die Nacht der Geister und Monster, ein Abend ausgelassenen Treibens und leichten, wohligen Gruselns sowie das Genre, dass die Unmöglichkeiten, die Magie, den Schauder und die Berührung anderer Welten in den Mittelpunkt stellt; die beiden passen einfach gut zusammen, denn alles, was an Halloween gefeiert wird, gehört in das Reich des Phantastischen. Doch der Anlass, Halloween, den „all hallows even“, den Abend vor Allerheiligen, zu feiern, der wird manchmal vergessen angesichts eines Spektakels, das sich hierzulande – zumindest in Kinderaugen – anschickt, in direkte Konkurrenz zum Karneval zu treten. Dabei soll doch das Fest die Christen (auch bei den Protestanten gibt es einen Gedenktag der Heiligen am 1. November) darauf vorbereiten, der Heiligen zu gedenken. Oder der Toten zu gedenken, wenn man die ältere Feier des keltischen Festes Samhain mit hinzuzieht, dem die Kirche sicher nicht ohne Bedacht die Heiligenfeier überstülpte.
In beiden Fällen geht es darum, sich des Schutzes einer jenseitigen Macht zu versichern – oder die ‘andere’ Seite zumindest der unbedingten Hochachtung zu versichern, damit sie nicht … böse wird. Doch auch das Vergessen ihres Anlasses haben Halloween/Samhain und die Phantastik gemeinsam, denn nicht nur tritt vor turbulentem Treiben und makabren Späßen die Verehrung der Heiligen und der Toten in den Hintergrund, auch der eigentliche Anlass, Werke der Phantastik zu erschaffen, tritt vor der heutzutage bei Weitem überwiegenden Unterhaltungsfunktion des Genres zurück. Sinn und Bedeutung von Fest und Kunstform gehen im Trubel und der reinen Unterhaltung unter. Das soll nicht gegen den Trubel sprechen, den ich jedem gönne, aber noch interessanter wird der Trubel, wenn man weiß, wo die Dinge herkommen, mit denen man da herumspielt, und was sie bedeuten (können).
Die Phantastik ist das Genre, das für die Verarbeitung unserer Gedanken und Ängste über das Jenseitige und das Unmögliche zuständig ist. Sie weist auf die Grenzen der Realität hin und überschreitet sie spekulierend, um uns zu erlauben, einmal darüber nachzudenken, was dahinter liegt. Vor allem aber erlaubt sie, zu überlegen, was man damit anfangen könnte, mit dem, was in jener Ecke dort dahinter liegt. Und das ist keine müßige Spekulation, denn die Überlegungen über das, was wir mit Macht und Magie (Fantasy), Ohnmacht (Horror) und Technologie (Science Fiction) anfangen würden, erzählen uns sehr viel darüber, was wir auch mit den tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten anstellen.
Fantasy
Die Fantasy ist das Genre des Übernatürlichen. Es tritt als Fiktion auf und erzählt von übernatürlichen Begebenheiten und Dingen: von Göttern und Dämonen, Zauberern und Hexen, Feen und Monstren, von Magie und deren Auswirkungen. Das ist weit mehr als nur spannend, denn damit ist die Fantasy auch das Genre der “unerklärbaren Unmöglichkeiten” (Robert A. Heinlein), das unbeschränkte Gedankenexperimente zulässt. Schon der große Philosoph Platon verwandte Fantasyelemente, um seine Philosophie zu erklären. So ließ er im “Staat” den Hirten Gyges einen Ring finden und ihn damit unbestraften Missbrauch treiben - Gyges schafft es bis auf den Königsthron -, um an diesem Beispiel die Funktion von Ethik und Moral zu erklären (Der Staat, 359b - 360b).
Ob nun Ursula Le Guin im Erdsee-Zyklus existenzphilosophische Fragen anspricht, Andrzej Sapkowski seinen Geralt von Rivia vor die Machtfrage stellt oder Joanne Rowling und Jonathan Stroud die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens mit phantastischen Mitteln überzeichnen, damit aber auch genau ausleuchten - es sind alles Gedankenexperimente des unbeschränkten ‘was wäre wenn’. Und es ist Verzauberung, es ist der sense of wonder, der angesprochen wird und eine emotionale Seite von Verzückung und Grauen im Menschen anspricht, die die realistische Literatur so nicht erreichen kann. Denn letztere kann zwar auch entzücken und verstören, aber nicht auf dieser Ebene an der Grenze zur Realität, derer der Mensch als ständig nach den Grenzen fragendes Wesen bedarf, um sich Kosmos und Chaos als wirklich Ganzes vorstellen zu können.
Horror
Horror ist nur auf einen sehr nachlässigen ersten Blick Schund. Er ist schrecklich - klar - und viele seiner Erzeugnisse sind in künstlerischer Hinsicht schrecklich. Aber er bildet auf seine Weise auch die Welt ab. Schließlich ist vieles in unserer Welt Realhorror – das Genre greift ihn nur auf. In vielen Werken, auch und gerade der literarisch anerkannten Fiktion (Kafka, Dostojewski) , stecken horrorartige Abgründe – es muss also am Thema etwas Wichtiges dran sein. Horror berührt Menschen tief, wenn auch immer mit einem unangenehmen Timbre – er muss wohl auch vom Wesen des Menschen handeln. Kurz: Horror rührt an unsere Nerven.
Denn in gewisser Hinsicht ist auch der Horror ein Experiment. Er erzählt Ihnen eine Geschichte und diese Geschichte stellt Ihnen die Frage: Was würden Sie tun? Horror erzählt von Schrecken, die in eine geordnete Welt einbrechen: Schrecken aus dem Jenseits (Vampire, Untote, Geister), die das Weltbild der Protagonisten zerschmettern; Schrecken aus dem Diesseits (Norman Bates, Hannibal Lecter), die die wirkliche Unsicherheit aller Existenz symbolisieren und dass die Fassade des Humanismus dünn und rissig ist. Man kann den guten Horror gar nicht konsumieren, ohne sich, zumindest unterbewusst, zu fragen, wie man selbst reagieren würde.
Und (scheinbar) paradoxerweise macht der Horror auch Mut und stärkt uns. Denn wir stellen uns im Horror dem Schrecken - dem täglich möglichen ebenso wie dem “kosmischen Schrecken” (Lovecraft) unserer bizarrsten Alpträume - und ertragen ihn. Wir lesen nicht nur Rosamunde Pilcher und schauen Telenovelas, sondern setzen uns zu Hannibal Lecter in die Zelle - gerade dann, wenn er nicht mehr festgeschnallt ist. Sie finden es ist keine Anstrengung, eine Horrorfiktion zu lesen oder sehen? Dann sperren Sie sich unbewusst gegen diese Geschichten. Lassen Sie den Unglauben fallen und sehen Sie sich den ersten Teil von “Alien” noch einmal an!
Science Fiction
Während der Horror auf die Gefühle zielt und dort Reaktionen hervorzurufen bestrebt ist, und die Fantasy von unerklärlichen Unmöglichkeiten berichtet, erzählt die Science Fiction von möglichen Unmöglichkeiten. Ihr Kennzeichen ist, dass die Annahmen, auf denen ihre Geschichten aufbauen, nicht prinzipiell unmöglich sind. Es wird, nach allem was wir wissen, wahrscheinlich nie möglich sein, mit Überlichtgeschwindigkeit zu reisen oder Personen zu beamen – aber es gibt in der Physik verankerte Modellvorstellungen, die erklären, wie das unter Umständen gehen könnte. Das ist ein großer Unterschied, der für den besonderen Charakter von SF-Geschichten mitverantwortlich ist. Während es nämlich im Bereich SF zwar auch alle möglichen Ausprägungen gibt, so zieht sie doch eine bestimmte Form von Erzählungen deutlich stärker an als alle andere phantastische Literatur: die auf die Realität bezogene Spekulation.
Hauptthema der SF ist die Utopie, die Spekulation über das, was noch nicht ist, aber sein könnte (”u topos” bedeutet “kein Ort”). So ist auch die SF ein großartiges Gedankenexperiment - “1984″ = was würde ein Staat machen, der über alle technischen und psychologischen Mittel verfügt, seine Bewohner zu versklaven? -, aber sie ist noch etwas anderes. Dadurch, dass die Spekulation derart in der Realität verhaftet bleibt, dass nichts prinzipiell Unmögliches in der SF thematisiert wird, hat das Genre anders als Horror und Fantasy einen extrapolativen Charakter; SF berechnet voraus, was wirklich eintreten könnte. Dadurch hält die SF eine einzigartige Rolle inne: Ihre Bücher, Filme und Spiele warnen vor echten Gefahren oder zeigen echte Möglichkeiten auf! Die Visionen der SF können realpolitisch wirksam werden - wie sich in der Bioethik-Debatte beispielsweise immer wieder in den Zitaten aus Aldous Huxleys “Brave New World” zeigt.
Realismus
Die phantastische Literatur ist die Literatur der Weltflucht? Wer sie genießt verschließt die Augen vor der Realität? Phantastik ist Traum, aber Träume sind Schäume? Was für ein Unsinn! Immer wieder zeigt sich: Die phantastische Literatur ist oft realistischer als Wissenschaft und die realistische Literatur:
„Realismus ist vielleicht die am wenigsten angemessene Form um die unglaublichen Umstände unserer realen Existenz zu porträtieren. Ein Wissenschaftler, der in seinem Labor ein Monster erschafft, ein Bibliothekar in der Bibliothek von Babel, ein Zauberer, der beim Sprechen eines Zauberspruches versagt, ein Raumschiff, das auf seinem Weg nach Alpha Centauri verschollen geht – all diese Dinge sind präzise und fundamentale Metaphern für die menschliche Existenzweise. Der phantastische Erzähler, ob er nun Archetypen aus den Mythen oder die jüngeren Archetypen aus Wissenschaft und Technik zitiert, spricht nicht weniger ernsthaft als jeder Soziologe – und manchmal sehr viel deutlicher. Phantastische Literatur dreht sich um das menschliche Leben; darum wie es gelebt wird, wie es gelebt werden könnte, wie es gelebt werden sollte.“ (Ursula K. Le Guin, The Language of the Night, 58; meine Übersetzung)
Genießen Sie Halloween! Aber denken Sie auch an die Ursprünge. Zu den Ursprüngen gehört auch die Phantastik, und welch wichtige Bedeutungen die neben der Unterhaltung annehmen kann, konnte ich vielleicht aufzeigen. Dass Sie heute überhaupt feiern, verdanken Sie den Heiligen und den Toten. Und, wer weiß, vielleicht bekommen Sie ja doch einmal Unterstützung von ‘Drüben’ … Oder man verzichtet ‘Drüben’ zumindest darauf, Ihnen zu schaden …
Frank Weinreich, Dr. phil., Jahrgang 1962, ist ‘gelernter’ Philosoph. Er lebt als freier Autor und Lektor in Bochum. Er ist Mitherausgeber der „Edition Stein und Baum“, einer kombinierten Buchreihe moderner Fantasyliteratur und Sekundärliteratur über Fantasy, sowie Mitherausgeber von Hither Shore, dem wissenschaftlichen Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft, sowie Herausgeber mehrerer Sammelbände bei Walking Tree Publishers. Für Hither Shore gewann er den Deutschen Phantastik Preis 2006 und 2008 in der Sparte “Bestes Sekundärwerk” als Mitherausgeber; sein Buch Fantasy. Einführung belegte 2008 zudem den zweiten Platz. Nebenbei schreibt er auch eigene Fantasy-, Horror- und Science Fiction-Geschichten.
Frank Weinreich im Internet: http://www.polyoinos.de/
Tags: Fantasy, Halloween, Horror, Realismus, Science-Fiction
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