Hartz IV und Fantasy
In einem dpa-Artikel, den Zeit.de übernommen hat, spricht wieder einmal ein Schriftsteller über den scheinbaren Eskapismus, dem sich Fantasy-Leser hingeben. Der Jugendbuchautor Klaus Kordon davon, dass
“viele Leute wollen die Realität einfach wegdrücken (wollen) und flüchten sich dann in solche Geschichten mit Hexen, Drachen und Magiern.”.
Nun, zugegeben, nicht alle Werke der Fantasy erheben großen Anspruch an Realitätsnähe. Sie wollen schlicht unterhalten, wogegen meiner Ansicht nach auch nichts einzuwenden ist. Was mir jedoch wie ein argumentativer Schlag unter die Gürtellinie erscheint, ist folgende Kritik:
“Ich stelle mir so ein Hartz-IV-Kind vor, das nur Geschichten über Prinzessinnen und Drachen liest und die Wirklichkeit völlig ausblendet.”
Hm, hm, sehr schwierig für meine Begriffe, was sich Kordon in dem Zusammenhang mit Kindern von Leuten, die wenig Geld haben so vorstellt. Fehlt eigentlich nur, dass er im nächsten Schritt von sogenannten bildungsfernen Schichten spricht und sich wundert, dass sie überhaupt lesen.
Aber es stimmt, wenn Kordon sich das mangelnde Niveau des Fernsehprogramms beklagt. Dass dort eigentlich hauptsächlich seichter Murks gesendet wird, bedarf keiner großen Argumentationskette. Wenn allerdings das Angebot an Fantasy-Literatur nur halb so seicht wäre wie das TV-Programm, würde der Markt zusammenbrechen.
Mich würde mal interessieren, was Klaus Kordon als Kind und Jugendlicher gelesen hat, und was die seinerzeit seniorige Generation von Jugendbuchautoren davon hielt. Kordon ist jetzt 65, also was mag er im Jahr 1955 als zwölfjähriger gern gelesen haben? Oder hätte lesen wollen, wenn man ihn gelassen hätte. Sicher eine andere Zeit, geprägt durch andere Realitäten, auch individuelle.
Was in Kordons Bedenken wieder durchscheint, ist das große “ihr sollt, ihr müsst”. Kinder und Jugendliche, die gerne lesen, suchen sich selbst ihren Lesestoff. Man sie nicht für etwas begeistern, was sie gerade nicht interessiert. Wer schon mal versucht hat, ein pubertierendes Mädchen, die alle Ausgaben von den “Pfeffermiezen” und “Die Wilden Hühner” leidenschaftlich liest und noch mal liest, es doch wenigstens einmal mit Harry Potter zu versuchen, wird wissen, was das bedeutet. Und das Abendland geht davon wieder mal nicht unter.
Kindern und Jugendlichen, die Fantasy lesen, per se Schwierigkeiten mit der Realität zu unterstellen, legt eigentlich nur nahe, dass man selbst ein Wahrnehmungsproblem hat.
Hier könnt ihr darüber diskutieren.
Tags: Diskussion, Fantasy, Klaus Kordon
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