Die heimliche Fantasy-Hauptstadt Deutschlands

Wer aus dem Rest der Republik nach Köln zieht, stellt ziemlich schnell fest, dass die Ureinwohner dieser Stadt sie für den Nabel der Welt halten. Zumindest wirkt der speziell zur Karnevalszeit überschäumende Lokalpatriotismus auf die sogenannten “Immis” so. Köln soll ja auch die nördlichste Stadt Italiens sein, und wer mit Kamelle und Alaaf nichts anfangen kann, dem wird zumindest der in der Tat mediterran angehauchte Aspekt der kölschen Mentalität zusagen.

Vielseitig und bunt sei das Leben hier, sagen die Einheimischen, auch die Zugereisten stimmen dem meist nach einer Weile zu. Nun, von beliebten Vorurteilen Außenstehender und einer schon etwas selbstverliebten Nabelschau der Einheimischen abgesehen, ist zumindest die Verlagswelt der drittgrößten Stadt Deutschlands wirklich bunt und vielseitig. Ein ideales Pflaster für Fantasy, so scheint es, denn Köln hat sich in den letzten Jahren ganz eindeutig zur heimlichen Fantasy-Hauptstadt Deutschlands entwickelt.

Während in München die Randomhouse-Gruppe mit den Verlagen Goldmann, Heyne und Blanvalet sowie der Piper-Verlag in Sachen Auflage kaum zu schlagen sind, kann Köln in der Tat eine buntgescheckte Buchlandschaft aufweisen. Nicht weniger als fünf voneinander unabhängige Fantasy-Verhaben hier ihren Sitz oder zumindest eine wichtige Niederlassung, die Deutsche Tolkien-Gesellschafft residiert in der Stadt am Rhein, und auch die Redaktion der Phantastik-Couch kommt hier regelmäßig zusammen.

Wie groß die Anziehungskraft von Köln ist, zeigt eigentlich schon der Wechsel des ehemaligen Cheflektors von Blanvalet, Volker Busch, zum VGS-Verlag. Das zur dänischen Egmont-Gruppe gehörende Haus hatte sich entschlossen, ein neues Fantasy-Imprint unter dem Namen “Lyx” zu gründen. Man fragte Busch, der nahm das Angebot an und stellte ein komplett neues Programm auf die Beine. High, Urban und Historical Fantasy prägen die neue Reihe; Autoren wie Jacqueline Carey und Wolfgang Hohlbein sind von Anfang an dabei.

Bergisch-Gladbach ist nicht vom Großstadtraum Köln zu trennen, deshalb gilt: Platzhirsch ist eindeutig der Bastei-Lübbe-Verlag. Hier betreut Lektor Ruggero Leò die Fantasy. Monatlich kommen mehrere neue Titel im Taschenbuch-Format heraus, aktuell Alison Croggons “Die Gabe”. und “Die Goblins” von Jim Hines. Zu den sogenannten Longsellern gehören die Bücher von Kai Meyer, auch die Fangemeinde von Garth Nix’ All-Age-Fantasy wächst mit jedem neuen Buch.

Was die Anbindung an ein großes Verlagshaus angeht, so dürfte der Mira Taschenbuchverlag über die stärkste verfügen: Mira gehört zu Cora, Cora gehört zu Springer. Die Fantasy-Reihe von Mira läuft seit Herbst 2006, den Auftakt bildete der erste Band der “Pferdelords”-Reihe von Michael H. Schenk. Auch im Programm: James A. Sullivan, der seinerseit mit Bernhard Hennen am ersten Band der “Elfen” geschrieben hat. Mira gehört übrigens zu den wenigen deutschen Verlagen, die ein Weblog betreiben.

Nicht minder umtriebig: Der Otherworld-Verlag, seit dem Jahr 2006 mit eigenem Programm im Handel. Zwar sitzen Lektorat und Vertrieb in Österreich, aber die Presseabteilung kommuniziert von Köln aus mit den einschlägigen Medien. Dave Duncan, Katja Brandis und Stephan R. Bellem gehören beim Otherworld-Verlag zum Fantasy-Programm.

Der Verlag Fredebold und Fischer hat mit “Die Krone von Lytar” zwar erst ein Fantasy-Buch auf den Markt gebracht. Wenn aber der zweite Teil der Trilogie von Carl A. deWitt genau wie der erste unausgetretene Wege in der Fantasy beschreitet, dann wird sich der Verlag schnell in der Szene etablieren.

Bestimmt wird die Szene in Köln von der Deutschen Tolkien-Gesellschaft, des Vereins, der nicht nur Fandom, sondern auch den akademischen Diskurs über den Oxforder Professor und sein Werk initiiert und fördert. Die Vereinszeitschrift “Flamme von Westernis” hat schon mehrere Literatur-Preise gewonnen, der jährliche Tolkien-Tag zieht Fans aus ganz Deutschland an und wir von der Phantastik-Couch freuen uns, dass der erste Vorsitzende Marcel Bülles auch für unser Magazin scheibt.
Frank Dudley

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