Was lange währt, wird fast gut
Fast wäre das mit Spannung erwartete Projekt gescheitert: Erst wollte Chris Weitz unbedingt Regie führen, dann hat er das Drehbuch von Tom Stoppard umgeschrieben und stieg schließlich wieder aus dem Projekt aus. Er befürchtete, die hohen Erwartungen der Fans von “His Dark Materials„ nicht erfüllen zu können. Nachdem sein Nachfolger Anand Tucker ebenfalls das Handtuch schmiss, entschloss sich Wirtz dann doch, den Film, den er nun als “echte Liebesarbeit” bezeichnet, in Szene zu setzen.So dramatisch diese Entstehungsgeschichte auch erscheinen mag, der Inhalt des Films hätte noch mehr Spannung bieten können. Doch offensichtlich hat dieses Vorgeplänkel die Qualität der Romanverfilmung beeinträchtigt.
Die Figuren – die Darsteller
Dakota Blue Richards hat für Rolle der renitenten Lyra bereits eine Menge Vorschusslorbeeren eingeheimst – zu Recht. Ihre Mimik sprüht nur so vor Freigeist und Ungehorsam, aber auch vor Vitalität und Wärme, wenn sie ihren Freunden helfen kann. Ein ebensolcher Glücksgriff ist den Casting-Verantwortlichen mit der Besetzung Lord Asriels gelungen. Die von Daniel Craig dargestellte schroffe, aber doch höfliche Art passt genau zur Figur des eigensinnigen Abenteurers und Wissenschaftlers. Sam Elliot in der Rolle des schrulligen Aeronauten Lee Scoresby überzeugt sogar noch etwas mehr, als es Nicole Kidmans exzentrisch-hinterhältige Mrs. Coulter vermag. Die unterkühlte Schönheit trägt sie stellenweise etwas zu dick auf. Und Eva Green hätte der Hexe Serafina Pekkala bestimmt noch etwas mehr Leben einhauchen können. Leider ließ man sie nicht, von dieser faszinierenden Figur ist außer in ein paar Szenen als fliegende Amazone, die auch noch mäßig in die CGI-Matrix integriert wurden, kaum etwas zu sehen.
Die Umsetzung der Story
Chris Weitz hat inhaltlich nicht übermäßig viel weg gelassen. Hier und da hat er die Kernhandlung etwas vereinfacht, was wohl kaum zu vermeiden war, aber sie enthält die wichtigsten Ereignisse. Die Beziehungen der Protagonisten hat Weitz liebevoll heraus gearbeitet und stilsicher mit animierter Technik unterstrichen. Genau wie im Buch lohnt es sich, stets einen Blick auf die Interaktionen der Dæmonen zu werfen, hier offenbart sich der Absicht wahre Natur.
Die Geschichte des Panzerbären Iorek Byrnison kommt nicht zu kurz, der Kampf zwischen Iorek und dem Bärenkönig ist ein spannendes Highlight des Films. Leider werden die pittoresken Gypter kaum eingeführt, auch die Geschichte der Hexen reißt die Story nur an.
Fazit: Mehr Courage, bitte
Es war kaum zu erwarten, dass alle Charaktere und Figuren so vielschichtig charakterisiert werden, wie in Philip Pullmans genialem Fantasy-Roman. Kaum störend ist auch, dass die Kernhandlung nicht ganz zu Ende erzählt wird. Der gewählte Abschluss lässt den Zuschauer vielleicht etwas entspannter nach Hause gehen, als der im ersten Teil der Trilogie.
Kenner und Liebhaber der Bücher vermissen allerdings wichtige Aspekte der Rahmenhandlung. So bleiben etwa die Hintergründe, warum der Magistrat denn die Erforschung des so genannten „Staubs“ ablehnt, unklar. Ebenso fehlt der scharfzüngige Unterton, mit dem Pullman den Magistrat im Buch charakterisiert; nicht umsonst wurden die sehr kirchenkritischen Inhalte des Romans seinerzeit von christlichen Verbänden heftig gerügt. Diese interessante Kontroverse deutet der Film leider nicht einmal an. Das ist eine einschneidende Konzession, man wollte wohl so kurz vor Weihnachten nicht in Europa und schon gar nicht in den USA die katholische Kirche zu Kritik veranlassen. Die Qualität des Films hat das nachhaltig beeinträchtigt. und die Diskussion wurde in den Feuilletons trotzdem geführt. Nicht zuletzt auch von Pullman selbst, der es sich nicht nehmen ließ, seine antiklerikale Position deutlich zu machen.
Und so schließt sich der Kreis zum Anfang dieser Filmkritik. Man hätte dem Regisseur etwas von Lyras Courage gewünscht, denn er hat sich an Pullmans konfliktträchtigen Stoff offensichtlich nicht richtig heran getraut. Wer weiß, was hinter den Kulissen dazu geführt hat, dass der Regiesessel hin und her geschoben wurde.
Insgesamt ist „Der Goldene Kompass“ auf jeden Fall ein sehenswerter Film – dramatisch, bildgewaltig und sehr viel komplexer, als das mit deutlich religiösen Motiven durchsetzte “Die Chroniken von Narnia“. Doch wo das Buch ein ideologisches Gegenstück zu C. S. Lewis‘ Werk darstellt, fällt der Film eher indifferent aus, er ist einfach nicht mutig genug. Vielleicht verleiht der Erfolg aber Flügel und ermöglicht etwas mehr von Pullmans Ansichten in den Fortsetzungen der „His Dark Materials“ Trilogie.
Hier könnt ihr darüber diskutieren!
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