Markus Heitz: Über Vampire, Teil 3
Die Frage steht im Raum: Was haben die Leute also alles angestellt, um die Menschen vor der Rückkehr als Vampir zu bewahren?
Zahlreich belegt sind „Präventivmaßnahmen“, die über oben genannte Vorsichtsmaßnahmen hinausgehen, bei den Gesetzeshütern schlicht und ergreifend unter dem Tatbestand der Leichenschändung liefen: Die Särge der Toten wurden ausgebuddelt, geöffnet, den Leichen schnitt die besorgte Bevölkerung die Fußsehnen durch oder die Köpfe ab. Andere Tote nagelte man die Hände und Füße in die Sargwand, um sie am Verlassen ihrer Ruhestätte zu hindern, ähnlich radikale Aktionen kamen immer wieder auf dem Land vor.
Kommen wir also zu den leckeren Begebenheiten …
Im August 1892 wurde im damaligen russischen Gouvernement Kowno der Leichnam einer Bäuerin gefunden, die sich erhängt hatte. Da der Pfarrer sich weigerte die Glocken zu läuten und somit die Seele auf ihrem Weg ins Paradies zu leiten, fürchteten die Söhne um die Ewige Ruhe ihrer Mutter- und schlugen ihr den Kopf, den sie ihr im Sarg zwischen die Füße legten.
1893 wurde im damaligen russischen Gouvernement Pensa das Grab einer angeblichen Hexe geöffnet, der Leichnam gepfählt und wieder eingegraben. Das Gericht ging der Sache nach, überführte nicht weniger als zwölf Männer als Tatbeteiligte, die auf Geheiß der Dorfversammlung agiert hatten. Einer grassierenden ansteckenden Krankheit wollten die Dörfler mit der Vernichtung des Vampirs, der als Schuldiger für sie in Frage kam, Einhalt gebieten. Das Gericht verurteilte sie zu einem Monat Arrest.
Ähnliche Fälle wurden aus Ungarn berichtet: Der 19jährige Bauernbursche T. Kapeczan starb im Dorf Pecs an Lungentuberkulose; als Gerüchte über einen unnatürlichen Tod des Mannes aufkamen, ließen die Behörden den Toten exhumieren: Sein Körper, Herz, Gliedmaßen und der Kopf waren mit 25 Zentimeter langen Nägel in den Sarg genagelt worden, der Kopf war unter der Wucht der Schläge vollständig zertrümmert worden! Die Tat gestanden Mutter und Bruder des Verstorbenen, die die Rückkehr des Toten verhindern wollten- eine Obduktion ergab, dass der Tod tatsächlich durch Lungentuberkulose gestorben war. Die Beschuldigten verschwanden für Jahre im Gefängnis.
1903 starb in Adbrudbanya eine alte Frau, die bei der rumänischen Bevölkerung im Ruf stand, eine Hexe zu sein. Um die Rückkehr als Vampir zu verhindern, wurde das Herz der Toten mit einem glühenden Spieß durchbohrt (der sogenannte „Herzstich“), die Mundhöhle mit Hufnägeln und kleinen Eisenspänen gefüllt, die Leiche schließlich mit dem Rücken nach oben in den Sarg gelegt und beerdigt. Die Behörden leiteten erst hinterher eine Untersuchung gegen die Beteiligten ein.
Noch ein Fall aus Pommern mit besonderem Übelkeitseffekt: Ein uneheliches, noch nicht ein Jahr altes Kind starb auf unerklärliche Weise, kurze Zeit darauf auch die Mutter. Kaum war sie begraben, erkrankte ihre Schwester, die im selben Haus gewohnt hatte, ebenfalls. Der einberufene Familienrat war der Meinung, dass das verstorbene uneheliche Kind ein Vampir gewesen sein muß, und um von ihm nicht nachgezogen zu werden, beschloß man auf Anraten des Großvaters die Unschädlichmachung des untoten Kindes. (Eine ansteckende Krankheit wurde nie in Betracht gezogen.) Drei männliche Familienmitglieder begaben sich nachts auf den Friedhof, öffneten den Sarg und trennten der Kinderleiche den Kopf ab. Die dabei austretende Flüssigkeit wurde zum Teil aufgefangen und mitgenommen. Die stinkende Flüssigkeit wurde der immer noch schwer kranken Tante eingeflößt- und sie genas! Die Familie sah sich in ihrer Vampir- Meinung bestätigt, erzählten stolz von der Wirkung des Mittels, wodurch die Behörden auf den Plan gerufen wurden …
Letzte Geschichte: 1905 berichtete eine odessische Zeitung vom Tod eines russischen Dorfpriesters auf der Krim: Das Volk war der Meinung, dass die Seele eines verstorbenen Zauberers wütend sei und deshalb eine Dürre über das Dorf gebracht habe. Das Dorf wollte den Zauberer versöhnen, in dem seine Gebeine um Mitternacht ausgegraben und diese feierlich vom Dorfpopen mit Weihwasser gesegnet werden sollten. So zog Sonntagnacht eine Prozession im Fackelschein und Lieder singend zum Friedhof, grub die Leiche aus und setzte sie aufrecht an einen Baum, um den fünfzig Bauern in einem seltsamen Tanz umherhüpften. Plötzlich tauchte Vater Konstantin, der Dorfpope, auf, verfluchte ihren Aberglauben und weigerte sich, bei dem heidnischen Spiel mitzumachen- die Menge ergriff den Priester, warf ihn in die Grube, die Leiche hinterher und schippte das Loch über dem noch lebenden Geistlichen zu. Als am nächsten Tag Polizeikommissare den Hügel abtrugen, fanden sie nur den toten Konstantin, der an Luftmangel zugrunde gegangen war …
Soweit meine Beispiele.
Vom westlichen Europa existieren allerdings keine derartigen Berichte.
Bevor aber der aufgeklärte, westeuropäische Mensch missbilligend seine Nase rümpft, gehe er über den nächsten Friedhof, und er wird etwas Sonderbares feststellen: Manche Gräber haben schwere Granit- oder Marmorplatten als Abdeckung …aber, weshalb?
Vielleicht eine Anlehnung an die uralte Tradition des Hünengrabes oder die biblische Jesus- Grabkammerbeschreibung, die ebenfalls mit einem Stein verschlossen worden war, ein Hinweis auf eine längst vergessene Furcht vor Widergängern oder einfach nur, um sich die Mühe eines Blumenbeetes zu sparen?
Diesbezügliche Überlegungen und Recherchen sind dem geneigten Leser überlassen, obwohl, auch das weiß ich aus einer Uni-Vorlesung über Volksmärchen, die Angst vor den zurückkehrenden Toten dazugehörte.
Ihr habt garantiert festgestellt, dass die historischen Vampirbeispiele in den wenigsten Fällen zu den agierenden Beißern in Büchern passen.
Aber an den zusätzlichen Eigenschaften, magischen und geistigen Fertigkeiten, die den Vampiren angehängt wurden, kann man den Einfallsreichtum damaliger und heutiger Autoren erkennen, somit ungefähr erahnen, wie schaurig- fasziniert die Menschen im 16., 17.,18. und 19. Jahrhundert erst sein mussten.
Auch die Arten, wie man zu einem verhassten Blutsauger werden kann, variieren doch, im Gegensatz zur Literatur, sehr von Volk zu Volk.
Tatsache ist letztendlich, dass der Vampir sehr fest, fast greifbar im osteuropäischen Volksglauben verwurzelt ist oder war, und dass das Phänomen dieser blutsaugenden, menschenvernichtenden Monster in den Legenden und Mythen aller Kulturen – unabhängig voneinander – vorkommt, von den Indianervölkern über Japan, Rußland, Europa und Afrika.
Warum dem so ist, bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen.
Denn: Wie jeder weiß, hat jede Legende irgendwo ihren wahren Kern …
Das alles war der Grund für meine Faszination und den Wunsch, einen Roman mit Vampiren zu schreiben, der gleichzeitig historisch ist.
Die „Kinder des Judas“ sind belegt, eine besondere Spezies Vampir, rothaarig, tödlich und markieren ihre Opfer, wie im Roman.
Dass sie eine Gesellschaft bilden, tja, das wiederum habe ich mir ausgedacht. Wenn man ewig leben möchte, bündelt man Kräfte am besten. Das haben die KdJ auch getan, und dabei gibt es strenge Regeln. Wie sich das für eine Geheimgesellschaft gehört. Alchemie und Wissenschaft war immer ein Schlüssel für Besonderes, und natürlich bedienen sich meine Vampire beidem, um ihr Ziel zu erreichen.
Denn Vampire sind im Volksglaube nicht selbstverständlich unsterblich …
Eben diese Vielfalt an volkstümlichen Vampiren ist ein unerschöpflicher Quell für Autoren, und daraus habe ich mich gerne bedient, um die Klischees von adligen Vampiren aufzubrechen und ganz andere Geschöpfe zu zeigen, die zu Vampiren gehören.
Um den Leserinnen und Lesern jetzt auch noch den wahren Hintergrund des heutigen Vampirglaubens zu zeigen, brachte ich Medvegia ins Spiel. Live bei der Untersuchung zu sein, hat großen Spaß gemacht!
In Leipzig war ich dank Buchmesse und WaveGothicTreffen schon ein paar Mal, und mir gefällt diese Stadt sehr gut. Deswegen musste die Heldin dort leben.
Wer das Völkerschlachtdenkmal schon mal bei Nacht gesehen hat oder ein Konzert darin erleben durfte, der kennt den Schauder, den man beim Betrachten und Zuhören bekommt.
Ich mag es, wenn es Handlungsstränge in Gegenwart und Vergangenheit gibt, die sich kreuzen, die sich berühren, die aufeinander aufbauen und die gegen Ende des Romans aufgelöst werden. Habe ich bei Ritus und Sanctum gemacht, und so war es alleine vom Konzept her logisch, dass auch KdJ so aufgebaut sein sollte. Ohne dabei anfangs zu viel über die Heldin zu verraten.
Die Heldin sollte eine Geschichte und viele Facetten haben, von Sitzwache bis grimmige Hüterin ihrer Nachkommen, von Mörderin bis warmherzige Mutter. Eine etwas andere Vampirin eben.
Alles in allem hatte ich die Recherche schon früher erledigt (brauchte etwa 3 Monate am Stück dafür), und das Schreiben des Buch selbst nahm wieder ein halbes Jahr in Anspruch.
Zuerst verfasste ich den historischen Teil, danach den Gegenwartsteil, danach begannen die Überarbeitungen zusammen mit den Lektoren T.Sonderhüsken und R.Reiter. Es wurde geschliffen und gefeilt, bis es so aussah, wie ich wollte, und alles passte.
Jetzt bin ich auf die Leserreaktionen gespannt …
Ich hoffe, es war einigermaßen spannend und interessant. Viele Grüße!
Euer Markus Heitz
Tags: Horror, Markus Heitz, Vampire
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