Markus Heitz: Über Vampire, Teil 2

Hallo Blogger!

Da sind wir wieder und stellen uns die Frage: Woher das Interesse an den Vampiren in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts?!

Die Erklärung fällt relativ leicht: Die Vampire hatten das sowohl das volkstümliche als auch das wissenschaftliche Interesse geweckt.

Zwar war das Hexenproblem nicht gelöst und die diesbezügliche Debatte nicht beendet, so zeigte sich doch ein Nachlassen der Verfolgungen, die Aktualität der Hexenproblematik ging im westlichen Europa mehr und mehr verloren- kein Wunder, dass die exotischen Blutsauger aus dem Osten um so größeres Interesse in der breiten Bevölkerung fanden. Hexenprozesse liefen nach dem gleichen Schema ab, wurden, so pervers es klingt, langweilig. Vampire jedoch kurbelten die Imagination viel mehr an.

Aber auch Ärzte zerbrachen sich den Kopf angesichts dieser medizinischen Herausforderung und dieses kniffligen Rätsels, die sich ihnen mit den Vampiren stellten. P. Gabriel Rzacynski grübelte bereits 1721 in seinem Buch Historia naturalis curiosa regni Poloniae über die polnischen Vampirismus- Berichte.

Die ausführlichste medizinische Analyse stammt vom ungarischen Arzt Georg Tallar, der die Vampirismusphänomene mehrere Jahrzehnte lang bei den Serben und Rumänen studierte.

Er besuchte Exhumierungen vampir-verdächtiger Leichen, untersuchte Leute, die unter gewissen Krankheiten mit Begleiterscheinungen wie Fieber, Verdauungsproblemen, Blässe und Übelkeit litten, was gemeinhin als Zeichen von Vampirkontakten galt. Die Menschen versuchten sich selbst zu heilen, in dem sie ihre Körper mit Blut von Toten beschmierten, die sie auf dem Friedhof ausgegraben hatten, oder auf magische Weise.

Tallar hatte allerdings eine ganz andere Erklärung: Er führte diese Symptome auf die strengen Fastengebote er Orthodoxen Kirche zurück, die ihren Gläubigen alles abverlangte. Mit entsprechender Behandlung konnte er die meisten der betroffenen Leute kurieren.

Vom christlich- kirchlichen Standpunkt aus bedeutete der Vampirglauben das Schlimmste, was überhaupt möglich war: Die blasphemische Pervertierung des christlichen Glaubens von der Auferstehung nach dem Tode und die Umdrehung einiger wesentlicher christlicher Dogmen und Kulte.

Der Vampir war, wie der Heilige, ein ganz besonderer Toter: Seine Leiche hielt der Verwesung stand, sein Grab strahlte ein besonderes Licht ab, seine Fingernägel und Haare wuchsen weiter- wie das bei diversen mittelalterlichen Heiligen der Fall war- all dies bewies das Weiterleben über den Tod hinaus. Die Erscheinung der Vampire und die mit ihnen verbundenen Wunder waren die gewissermaßen negativen Spiegelbilder der Attribute der Heiligen. Auch das Blutsaugen wurde als Umkehrung der christlichen heiligen Kommunion aufgefasst.

Alles in allem sah die Kirche darin einen bösen, blasphemischen Glauben, der kritisiert und zum Schutz des heiligen Modells, auf dem er beruhte, verworfen werden musste. Calmet bezeichnete konsequent alle Berichte über Vampire und Hexensabbate als Folge von Täuschungen, Aberglauben und Vorurteilen, die entweder mit natürlichen Phänomenen oder mit Phantasmaorgien der Betroffenen erklärt wurden.

Ähnlich drückte sich auch der Bischof der süditalienischen Stadt Trani 1739 in seiner Dissertazione sopra i vampiri, der seine Erklärungen für den Vampirglauben teils geographisch, teils sozial begründete: Die Einwohner Böhmens und Ungarns wären leichtgläubiger als Spanier und Franzosen, außerdem herrschten dort unkultivierte Klassen vor, Edelleute und Wissenschaftler seien eben schwerer zu täuschen.

Papst Benedikt XIV. hielt es 1752 für notwendig in seiner Abhandlung über die Kanonisierung von Heiligen auf die Nichtigkeit des Vampirglaubens zu sprechen.

Eine weitere, wesentliche Strömung stellte die Leute dar, welche im 18. Jahrhundert die Wiederbelebung des Okkulten einleiteten.

Eine Flut von Schriften beschäftigte sich in den ersten Jahren mit der Auffindung okkulter, mystischer, spiritualistischer und psychologischer Erklärungen für die Kräfte der menschlichen Phantasie. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen der Mesmerismus, die magnetische und hypnotisierende Heilmethode auf und feierten große Erfolge. Erst durch diese okkulten Interpretationen der 1730er Jahren entwickelten die Vampirgeschichten ihren wahren Sensationswert.

Verschiedene Erklärungsversuche, die von Restenergie in Leichen über Visionen, durch Datura oder Opium ausgelöst, bis zu astrale Einflüsse auf den „spiritus“ reichten, halfen wenig weiter.

Eine rationale, aber immer noch psychologische Erklärung des Vampirismus fand Marquis Boyer 1737 in seinen lettres juives, in denen er über Phantome nachdachte, die Menschen in ihren Alpträumen erschienen und buchstäblich zu Tode erschreckten.

Die Mythologie des Vampirismus faszinierte die Leute in vielfacher Hinsicht, bot eine Möglichkeit, ihrer Neugierde zu frönen und ihre Phantasie auszutoben. Bald war der Vampir am okkulten Himmel des 18. Jahrhunderts fest verankert und tauchte in der Literatur auf, wo er in völlig neue Dimensionen gerückt wurde: die Sexualität!

Der Vampirbiss wurde allmählich in einen Todeskuss umgewandelt. Der Todeskuss an sich und seine Darstellung sind bereits auf Gemälden des 16. Jahrhunderts zu sehen: Auf den Bildern von Hans Baldung Griens umgarnt der skeletthaftige Tod schöne, nackte Frauen und beißt sie, ganz nach der Art der späteren literarischen Vampire, in den Hals.

Dieses morbide sexuelle Bild hielt genau dann in die Mythologie des Vampirismus Einzug, als ein gewisser Marquis de Sade seine extremen Phantasien tödlicher Sexualität entwarf und artikulierte. Dass die Vampirmythologie in dieser Weise umgedeutet wurde, enthielt für Psychologen und Kulturhistoriker keinerlei Überraschung, da ihnen die starke Anziehung zwischen Eros und Qual bekannt war.

Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurde dann dieser Aspekt weiter ausgebaut: Goethes Die Braut von Corinth (1797), Coleridges Christabel (1800) und Kleists Penthesilea (1808) assoziierten Vampire mit grausamen Geliebten oder Amazonen, die ihren Gräbern entstiegen, um frühere Liebhaber heimzusuchen- die Figur des weiblichen Vampirs war geboren.

Ein Engländer italienischer Herkunft, Polidori, ein Freund von Mary Shelley, war ebenfalls von solchen morbiden Phantasien fasziniert, entschied sich in seinem Roman The Vampire: a Tale by Lord Byron für einen männlichen Blutsauger, eine Festlegung, die sich durchsetzen sollte.

Obwohl in der Literatur des 19. Jahrhunderts nach wie vor weibliche Vampire auftraten- natürlich wurden sie in den Romanen und Kurzgeschichten infolge des ansteckenden Charakters des Vampirismus in Vampire verwandelt- blieben die Vampire doch im wesentlichen männlichen Geschlechts: Die beißende, penetrierende Sexualität des Vampirs musste zwangsläufig als männlich aufgefasst werden; dieser männliche Aspekt wurde auch beibehalten, wenn er auf Frauen übertragen wurde.

Das hat sich nach und nach geändert, was die Vampirheldinnen angeht …

Ganz witzig fand ich ein altes, kleines, verstaubtes Büchlein in der Institutsbibliothek, das um die Jahrhundertwende gedruckt wurde und sich mit „Kriminalität und Aberglaube“ beschäftigt.

Der Autor sammelte darin auch, auf welche Weise man wo zum Vampir wurde und was man dagegen tun kann. Erstaunlicherweise finden sich hier völlig neue Methoden, wie man als Mensch zum Untoten werden kann, weshalb ich sie des Spaßes und der Vollständigkeit halber erwähne.

Vampir wurde man grundsätzlich durch sowohl äußere Umstände als auch durch Ansteckung. Von einem Vampir Gezeugte wurden nach ihrem Tode selbst zu Vampiren, in besonderen Fällen wurden Unglückliche mit der Bestimmung, Vampir zu werden, geboren: Entsprechend ausgebildete Zähne, rote Flecken am Körper oder sonstige Anomalien waren auch ein Hinweis darauf.

Bei den Walachen endeten unehelich geborene Kinder unehelich Geborener nach ihrem Tode als Blutsauger, bei Rußen und Neugriechen von den Eltern Exkommunizierte oder Verfluchte, in Dalmatien Geizhälse, arge Flucher und wer an Festtagen arbeitete.

Bei den Slawen traf das Geschick wer „unbußfertig“ starb, also Selbstmörder, an Trunksucht Verstorbene, plötzlich vom Schlag Gerührte, angebliche Zauberer und Hexen, Andersgläubige, die ersten Opfer einer ansteckenden Seuche.

Um zu verhindern, dass ein Toter ein Vampir wurde, gab es nicht immer ein Mittel. Stopfte man dem Toten ein Stück des Totenhemdes in den Mund, fraß er das auf und verzehrte sich anschließend selbst. Das schmatzende Geräusch soll weithin hörbar gewesen sein- so lange der Tote schmatzte, starben Freunde und Verwandte.

Eine andere Methode, die Wiederkehr zu verhindern: Man musste man ihm einen Pfennig in den Mund geben, oder man legte zwischen Brust und Stirn ein Blatt Papier, ein Stück Erde, ein Bild und dergleichen oder band ihm den Mund zu. Auch trug man den Toten mit den Füßen voran aus dem Sterbehaus oder unter der Schwelle hindurch, um so sein Zurückkommen unmöglich zu machen, weil er den Weg dann nicht mehr zurückfinden sollte.

Sind die Vorsichtsmaßnahmen vergessen worden oder führten sie zu keinem Erfolg, konnte man sie vor den Umtrieben des Vampirs schützen. Man legte Fischnetze oder Mohnkörner in den Sarg und glaubte, dass der Untote jedes Jahr einen Knoten lösen oder einen Samen aufsammeln müsste; erst wenn alle Knoten gelöst und Körner gesammelt sind, konnte er die Lebenden belästigen.

Die Rumänen fesselten ihren Toten die Füße, um sie am Verlassen des Grabes zu hindern. Gräber besonders verdächtiger Leichen schlug man extra fest zu oder versah sie mit dicken Riegeln.

Auch Pflanzen gewährten Schutz vor nächtlichem Besuch, so sollten vor jedem Fenster kleine Beete mit Knoblauch, Wermut, Wildrosenbüschen, Schierling und Eisenhut angelegt werden- ihr Geruch vertrieb Vampire angeblich.

Wie lebendig die Furcht vor den Vampiren vor allem im Osten Europas um die Jahrhundertwende immer noch war (und ist?), zeigen die Berichte, die das Büchlein gesammelt hat. Dazu das nächste Mal mehr!

Euer Markus Heitz

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