Vergesst Harry Potter – hier ist Will Stanton!
Meine Erinnerung sagt mir, dass ich vielleicht zwölf oder dreizehn gewesen sein muss, als ich auf Susan Coopers “Wintersonnenwende” gestoßen bin. Es war in der Duisburger Stadtbücherei, das zumindest weiß ich noch ganz genau.
Ich habe das Buch verschlungen, ich war hingerissen und verzaubert und habe einige Jahre später erst entdeckt, dass “Wintersonnenwende” der zweite Band eines mehrbändigen Zyklus war. (Den ich mir natürlich dann komplett in der Ravensburger Taschenbuch-Ausgabe zugelegt habe).
Ich bin (manchmal) gründlich, also habe ich heute endlich nachgesehen, wann denn die deutsche Erstausgabe überhaupt erschienen ist – und musste feststellen, dass die gefühlte Dreizehnjährige wahrscheinlich eher neunzehn oder zwanzig gewesen ist, als ihr dieses wunderbare Buch “passierte”. Da sieht man mal, wie Susan Cooper es schafft, im besten Sinne das Kind in der Leserin zu wecken – denn die Intensität, mit der ich als Kind in Bücher versunken bin, sie verschlungen habe, in ihre Welten und ihren Zauber abgetaucht bin, habe ich späteren Jahren nur noch sehr selten erreichen können. Oder besser gesagt: Das schaffen eben nur sehr, sehr wenige AutorInnen – und Susan Cooper gehört ganz offensichtlich dazu!
Ihr fragt euch an dieser Stelle womöglich, was eine Zwanzigjährige in der Jugendbuchabteilung einer Bücherei zu suchen hatte – na, was wohl? FANTASY!
Das Genre existierte Ende der Siebziger eigentlich noch nicht “offiziell”. Die deutsche Ausgabe des “Lord of the Rings” war zwar schon einige Jahre zuvor erschienen und strahlte verlockend und giftgrün aus den Regalen der Buchhandlungen, die aber nicht recht wussten, wo sie es eigentlich einsortieren sollten. Phantastische Literatur hielt sich eben noch größtenteils in der Jugendbuchecke auf, irgendwo zwischen Andersen und Gustav Schwab und den schwarzroten Mark Brandis-Bänden mit den Bordbüchern der Delta VII (die ich selbstverständlich auch alle und mehrfach gelesen habe!)
Aber Susan Coopers “Wintersonnenwende” ist ein völlig anderes Fantasy-Ding als der “Herr der Ringe” (auch wenn im Klappentext der Neuausgabe ihres Artus-Zyklus sicher irgendwo das Stichwort “Tolkien” auftaucht. Das behaupte ich jetzt mal einfach so – Klappentexte von Fantasybüchern kommen selten ohne auf einen Hinweis auf den Altmeister aus …)
“Wintersonnenwende” spielt hier und (beinahe) heute, unter ganz normalen Menschen, die während der mystischen Zeit der Raunächte zwischen Weihnachten und Neujahr mit dem Einbruch einer anderen Welt in ihre Wirklichkeit konfrontiert werden.
Will Stanton, der jugendliche Protagonist und das Nesthäkchen in seiner großen, lauten, netten Familie, erfährt an seinem elften Geburtstag, dass hinter dem Alltag, den er kennt, noch eine andere, geheimnisvollere Welt auf ihn wartet. Will ist der siebte Sohn eines siebten Sohnes (was traditionell für eine magische Begabung und/oder ein besonderes Schicksal steht), und darüber hinaus ist er einer der “Uralten” – eine Gruppe, die als Beschützer der normalen Menschen ohne die Beschränkung von Raum und Zeit gegen die Mächte der Dunkelheit kämpft. Will ist der Jüngste der “Uralten”, derjenige, mit dem sich das Schicksal in einem bedeutenden Kampf des Lichtes gegen das Dunkel erfüllen soll, einer der Wegbereiter für den Sohn des “Once and future King” – um einen anderen fantastischen Autor zu zitieren ;-).
An seiner Seite ist der geheimnisvolle Merriman Lyon (in dem man unschwer einen alten Bekannten, nämlich den Zauberer Merlin erkennt), und unter dessen Anleitung macht Will sich bereit, gegen das mächtige Aufgebot der Dunkelheit anzutreten.
Seine Aufgabe ist es, die sechs durchkreuzten Kreise zu finden, Zeichen, die in verschiedenen Zeitaltern entstanden sind, aus unterschiedlichen Materialien, und die nun von Will vereint werden müssen, um eine starke Wehr im letzten Kampf gegen das Böse zu bilden.
Das Wunderbare an Susan Coopers Buch ist die Verquickung und Verknüpfung von realer und phantastischer Welt. Immer wieder muss Will sich aus dem weihnachtlichen Kreis der Familie stehlen, um irgendwo in der fernen Vergangenheit eins der sechs Zeichen zu erringen. Einige der Zeichen kommen auf seltsamen Wegen zu ihm, andere erringt er mit Verstand und Geschick selber – aber sie alle muss er mit Leib und Leben vor dem Zugriff der dunklen Mächte verteidigen.
Menschen, die Will schon lange kennt, entpuppen sich plötzlich als Lichte oder als Vertreter der dunklen Mächte – und immer wieder gerät er in atemberaubend spannende, gefährliche Situationen, in denen er sich mit Witz und Mut behaupten muss.
Die Gefahren, denen Will in anderen Realitäts- oder Zeitebenen ausgesetzt ist, äußern sich in seinem alltäglichen Umfeld auf nicht minder bedrohliche Weise. Schneestürme und eine unnatürliche Kälte, später dann die Wasserfluten des Tauwetters bedrohen seine Familie, die kaum mehr von dem existenziellen Kampf mitbekommt als die ganz realen Auswirkungen dieser Naturgewalten.
Je weiter die Zeit der Raunächte voranschreitet, desto größer wird die Macht der Dunklen, desto deutlicher, direkter und ungenierter können sie in Wills Leben eingreifen und seine Familie und seine Freunde bedrohen, bis endlich die Wilde Jagd den Anbruch der Zwölften Nacht und das atemberaubende Finale des Kampfes ankündigt.
Das Buch begleitet mich nun schon seit fast dreißig Jahren. Langsam wird es Zeit, dass ich die zerlesene, vergilbte Taschenbuchausgabe aus den frühen Achtzigern gegen die wunderschöne Neuauflage austausche – denn ich werde Susan Coopers Zyklus sicherlich noch einige Male lesen … und gerade “Wintersonnenwende” ist und bleibt mein Lieblingsteil daraus. (Wer eine Cooper-Einstiegsdroge sucht, kann übrigens getrost mit diesem Band beginnen – er ist vollkommen in sich abgeschlossen und problemlos außer der Reihe zu goutieren!)
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