Unausgeschlafen in der 10. Dimension

Morgens, wenn der Wecker klingelt, denke ich „Wie, das war’s schon? Ich bin doch gerade erst eingeschlafen …“ und überlege kurz, wann ich gestern Nacht das Buch zugeklappt und das Licht ausgemacht habe. Meist steht die Anzahl der gelesenen Seiten im direkten Verhältnis zur Länge, oder vielmehr Kürze, der wertvollen Nachruhe. Ich versuche also, zwischen meinem Kurz-vor-dem-Einschlafen-Ich und meinem Kurz-nach-dem-Aufwachen-Ich eine zeitliche Linie zu ziehen, zwischen den beiden imaginären Punkten 23:57 Uhr und 6:30 Uhr.

Während ich mich selbst und die Dinge in meiner Umgebung (Wecker, Kissen, Buch) sich durch Dreidimensionalität auszeichnen (Höhe x Breite x Tiefe) und somit von mir in ihrer räumlichen Position verändert werden können, habe ich keinen Einfluss auf die Zeit, sprich die vierte Dimension. Sie verläuft ohne mein Zutun und unerbittlich, das höre ich am Weckerklingeln, das aus den scheinbar unergründlichen Tiefen der Zeit in mein Ohr rasselt.

Als Mensch bin ich offensichtlich machtlos dagegen, zumal ich schon oft genug mit Trabanten der 1. Dimension zusammenstoße, meistens zu niedrige Türrahmen aus dem letzten Jahrhundert. Moderne Gebäude des frühen dritten Jahrtausends lassen mich jedoch meist kollisionsfrei in ihre Räume passieren. Ein Beweis dafür, dass sich der Raum, das Weltall mithin, immer weiter ausdehnt? Nein, natürlich nicht. Die Innenarchitekten des 21. Jahrhunderts passen nur die Türrahmenhöhe dem Größenwachstum der Menschheit an. Genau so, wie ich meine Position ändern kann, indem ich mich einfach etwas bücke, um mir nicht dauernd die Denkbox einzurennen, verschieben sie die Koordinaten der Türen im dreidimensionalen Raum, greifen ein, verändern. Wenn ich also ausgeschlafen den Tag beginnen möchte, mache ich es genauso: Früher das Licht ausmachen oder später aufstehen sind zwei Möglichkeiten, dafür muss ich den Verlauf der Zeit nicht verändern. Ich nehme lediglich Möglichkeiten der fünften Dimension wahr, schaffe eine weitere mögliche Zukunft, in der ich vielleicht produktiver, aufmerksamer und besser gelaunt bin.

Das sind jedoch Optionen, die selten machbar sind: Entweder ist das Buch zu spannend und torpediert so eine Nacht mit traumhaften acht Stunden Schlaf oder Tagesjob und/oder Kinder verhindern es. Das mit der langen Leserei liegt natürlich in meiner Hand, und so verfluche ich mich jedes Mal dafür, wenn ich morgens rotäugig vorm Badezimmerspiegel stehe. Was wäre aber, wenn ich um 6:30 Uhr zurück nach, sagen wir, 22:43 könnte, um mein Nur-noch-fünf-Minuten-es-ist-gerade-so-spannend-Ich so zu beeinflussen, dass es schon um 23 Uhr das Licht löscht? Das wäre ein Trip durch die sechste  Dimension, die diese beiden Realitäten quasi zusammenfaltet.

Und wenn ich noch länger schlafen will? Oder ein Mensch sein möchte, der nur mit 5 Stunden Nachtruhe auskommt? Gar keinen Schlaf braucht? Immer schläft? Darüber kann ich morgens noch nicht nachdenken, zu viele Dimensionen. Die Macher der Website MySelfdevelopment.net waren da ausgeschlafener und haben einen Animationsfilm produziert, der sehr anschaulich alle zehn Dimensionen erklärt, über die die intellektuellen Frühaufsteher der Physik überhaupt nachdenken können. Der amerikanische Sprecher redet zwar langsam und deutlich, aber ab der 6. Dimension steigt auch ein englischer Muttersprachler aus, wenn er nicht gerade als 13jähriger ein Abi mit Note 0,9 gemacht hat. Für alle gedanklichen Langschläfer gibt es hier den Text des Films zum nachlesen.

Tags: , , ,

Hinterlasse eine Antwort

Seiten-Funktionen:

Diese Seite bookmarken bei

  • Digg
  • del.icio.us
  • Google
  • MisterWong.DE
  • Technorati
  • TwitThis
  • Webnews.de
  • Yigg

über die Phantastik-Couch:

© 2006–2008 Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG